Der Künstler neben mir - Teil 4


Volle Ladung Lebensfreude und Tier am Schlagzeug

 

Ich lerne Johannes Enders zusammen mit Andi Haberl auf dem Weg HH-Flughafen-Salzau kennen. Wir sind gleich schnell im Gespräch über dies und das, sie fragen viel und staunen wie kleine Kinder über Geschenke unter’m Christbaum als sie das Line-Up in der Broschüre des Festivals realisieren.

 

„Oh, guck mal, der Brian Blade ist auch da.“

„Ja, und scheiße, schau! Jack DeJohnette und Jim Hall!“

„Oh mann, das darf nicht wahr sein! Wie geil, mann!“

„Meinst Du, der Brian gibt mir ´ne Schlagzeugstunde?“

„Ja, das wär’ ja total der Hammer“, legt Andi nach.

 

Ich freue mich über soviel Natürlichkeit und Positivity.

 

Zur Vertrautheit zwischen uns mag auch die Tatsache beitragen, dass ich Andi schon am Flughafen als Bekanntschaft und Musikerkollege von der Bundesjugendjazzgeschichte aus Erfuhrt (Jugend Jazzt!) vor drei/vier Jahren erinnern kann. Ja, Ihr ahnt es schon: wieder Stoff für eine ganz eigene Geschichte! Wird kommen. Keine Bange.

 

Es stellt sich heraus, daß er auch Johanna, unsere Pianisten des alten Bandprojektes aus Bremer Tagen, kennt. Beide haben zusammen in Berlin studiert. Andi hat dort bei Wolfgang Haffner Unterricht, wie er damals erzählt. So langsam schwant mir das Netzwerk und ich bin gespannt auf die nächsten Tage und weitere Begegnungen.

Johannes erscheint neben Andi als ein Berg: Groß, präsent, einfach da. Seinen Muffin, auf der Raststätte zwischen HH und Salzau besorgt, ißt er selig krümelnd im Hinten des Wagens. Bis dato weiß ich nicht viel über Johannes, kann mir nicht vorstellen, was er so macht und wie er spielt. Vielleicht ist manchmal genau dies die Brücke zu den Menschen: Unvoreingenommenheit!

 

Als er mir von seinen anderen Projekten erzählt und ich ihn am Sonntag Abend zusammen mit Wolfgang Haffner und seinem Zooming-Projekt auf der Bühne spielen erlebe, wird mir klar, wie klasse Johannes ist. Er spielt unheimlich gefühlvoll und empathisch und ist dabei voll da. Keine Idee von Arroganz oder übermäßiger Beflügelung, kein Rumgewichse und Gejaule mit der Kanne.

Ich hocke an diesem Abend in der großen Scheune weiter hinten im Mittelgang und sehe mich einem Bühnenereignis gegenüber, was mich an Wesseltoftkonzepte (New Conception of Jazz) erinnert.

Die Jungs spinnen weite, malerische Melodien, die von Wolfgangs sensiblen Beats getragen werden. Es geht mir beim Aufnehmen der Musik wie sonst nur bei den skandinavischen Acts: Ich sehe Fjorde und weite Landschaften.

 

No Limits!

 

Diese Musik ist Frieden. Sie fegt Wolken beiseite, wie ich es einmal mit Bugge Wesseltofts New Conception of Jazz auf einem wolkenverhangenen Oldenburger Kultursommer buchstäblich genau so miterlebt habe. Damals spielte Bugge eine bedrohlich dunkelgraue Wolke vom Open Air Konzert einfach weg. 

 

Am Ende des Gigs – ich habe nicht die Zeit alles zu sehen – laufe ich Johannes über den Weg und sage zu ihm:

„Hey, ich muß mal eben was machen“, umarme ihn und sage einfach: „Danke für diese tolle Musik!“

 


Bildquelle: http://www.oskar-henn.de/html/fr_home.html (Oskar Henn). Mit freundlicher Genehmigung.


An einem Mittag im Garten hinten vom Schloß treffen wir einander mit prall gefüllten Tellern des wirklich leckeren Essens, was die Kochcrew jeden Tag für sowohl Künstler als auch Festivalkräfte gleichermaßen komponiert.

Wir sitzen zusammen und quatschen ein bißchen. Ich trage einen von diesen Walkie-Talkies, um für das Dispobüro erreichbar zu sein. Bereitschaftsdienst.

Johannes sitzt neben mir und deutet auf das Ding:

 

„Wofür is das denn?“

 

Ich antworte und ehe ich weiter was sagen kann, hat er das Ding in der Hand und spricht:

„Hallo, kann noch mal eben einer den Miles Davis vom Flughafen abholen?!“

 

Andi hatte ich ja schon kurz erwähnt. Ich sehe ihn an einem Abend mit seinem Jazzkatapult zusammen mit unter anderem Johannes und Lars Danielsson. Mit hochgekrempeltem T-Shirt und seinem strähnigen langen Haar, was sonst von einem Baseballcap gezügelt wird, trommelt er in wilder Bewegung wie Tier, der Drummer aus der Muppet-Show. Aber es sind nur die Bewegungen, der Output ist dermaßen gefühlvoll und sanft. Das Visuelle schlägt mit dem Auditiven komplett quer. Aber es macht unheimlich viel Spaß, ihm zuzusehen, weil man merkt, er ist Drummer, einfach Drummer.

 

Full power, full control!



 

"Myron, myron, mach die Äuglein zu!"

 

Samstag sehr früh am Morgen erwache ich noch vor dem Schellen des Weckers. Grund dafür sind gedämpfte Klänge vom Stockwerk unter mir aus dem Schloss. Im ersten Augenblick bin ich verwirrt, weil ich glaube, es sei immer noch gestern und Nacht. Ein verpennter Blick auf den Wecker zeigt aber so was um halb sechs Uhr morgens. Es ist also richtig: wir haben Morgen!

Ich stelle mir erneut die Frage nach den Klängen unter mir und kombiniere den zweifelsohne live gespielten Sound mit der Session von gestern Nacht. Kann das sein? Jetzt noch?!

 

Im sogenannten Jazzcafé im ersten Stock des Schlosses ist es seit jeher üblich, dass sich die Künstler nach ihren regulären Jobs zu einer gemeinsamen offenen Jam treffen. Mich überrascht allerdings, dass das Ganze jetzt nunmehr die volle Nacht bis in den frühen Morgen so geht. Ich schüttle mich und bin – gespannt, wer da so lange noch durchgehalten hat – im Handumdrehen geputzt und auf dem langen mit Teppich ausgelegten Flur des Hauses auf dem Weg nach unten.

Als ich um kurz vor sechs unten im Jazzcafé stehe, treffe ich auf einige wackere Festivalbesucher, die im Schneidersitz auf dem harten Parkett ausharren und mit einem selig-müden Lächeln im Gesicht vor allem einem Menschen bei seinem versunkenen Spiel zuhören.

 

Myron Walden aus Miami/USA, Saxophonist und Sideman von Brian Blades Fellowship-Formation, spielt vollkommen verträumt und in sich gekehrt irgendwelche Kadenzen, denen der schwedische Saxer aus dem Haffner Ensemble am Klavier sitzend nur mühsam folgen kann. Was will man auch erwarten? Die Jungs haben durchgemacht, sind wohl auch nicht mehr ganz nüchtern und nun ist es sechs Uhr morgens und ein neuer Tag flutet durch die weit geöffneten großen Flügeltüren aus dem Garten herein.

Einen Moment versinke ich zusammen mit den Schneidersitzlern und bin verzaubert von allem um mich herum. Das helle, klare Licht des anbrechenden Tages, die Stimmung in dem großzügigen Raum mit den hohen Decken, der Blick in den ruhigen, idyllischen Garten und dann das Bild eines im Grunde komplett müden und ausgelaugten Musikers, der aber einfach spielen muß. Immer weiter. Immer mehr!

 

Mein erster Job an diesem Tag wird es dann sein, Myron kurze Zeit später ins Hotel zu fahren. Er setzt sich intuitiv nach hinten in den Van (nur nicht unterhalten) und läßt sich erschlagen in den Sitz fallen und von mir davon schaukeln.

Wenige Kilometer später sehe ich im Rückspiegel einen zusammengesunkenen Myron in typischer Schiefkopf-Hängeschlaf-Pose.

 

„Da hat einer gefeiert“, muß ich lächeln und chauffeuer Myron zum Hotel, wo ich ihn vorsichtig wecke und wir einander mit gedämpften Stimmen verabschieden. Mit Tasche und Saxophon trottet er durch die Tür ins Foyer des Hotels und verschwindet im Dunkel des Raums, wahrscheinlich dem weichen Bett entgegen sehnend.



Im fünften Teil geht's mit Mister Hank Jones nach Kiel ins Kaufhaus und wir sind auf der Suche nach "Rubbershoes" bei einem bekannten Schuhdiscounter.

 

Was Euch in der nächsten Woche erwartet verrate ich noch nicht. 

 

Bis dahin bleibt gut im Tuning, wenn es wieder heißt:

"Immer wieder Sonntags..."

 

Euer Kai


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