Der Künstler neben mir - Teil 3


Der irre Blick des Trilok Gurtu

 

In meinem Wagen sitzen heute drei Personen, die ich von HH-Flughafen bis nach Salzau fahre. Und alle drei sind mir auf Anhieb sympathisch.

Hinten sitzen ein Typ mit langen, tierischen Turbolocken, der Basser von Dominic Miller, wie sich später herausstellt, und ein großgewachsener mit Charaktergesicht. Der Tastenmann vom Miller.

Beide unterhalten sich mal auf englisch, mal auf französisch. Letzteres klingt gut, verstehe ich aber nicht.

Neben mir sitzt jemand, den ich schon vor vielen Jahren einmal „ganz nah“ erleben durfte. Es ereignete sich damals während meiner Tätigkeit im KITO in Bremen. Er galt als „Freund des Hauses“, hat in dem bekannten Jazzspeicher „ein paar Male was gemacht für die“, wie sich im Laufe der Fahrt herauskristallisiert.

 

Doch der Reihe nach weiter.

 

Es ist Trilok Gurtu da neben mir. Der um die knapp 1,70 Meter kleine indischstämmige Mann, der die Trommeln kesselt was das Zeug hält, kommt vorerst ganz unauffällig rüber. Vorerst!

Wie die anderen beiden im Wagen. Die Atmosphäre ist von Anfang an natürlich und entspannt. Wir plaudern.

Da ich Erinnerungen an ihn habe, bringe ich den Speicher ins Spiel und erzähle ihm:

„Ich habe Dich vor vielen Jahren mal im Bremer KITO gesehen.“

Er so: „So? Ja? Das ist ja toll. Ja, ich erinnere mich an den Ort. Machen die noch was?“

 

Tja, jetzt wird’s privat und ich bin bemüht, die Veränderungen des Bremer Konzertplatzes am Weserufer behutsam zu umschreiben.

 

„Einer von den beiden Betreibern, ist letztes Jahr auf tragische Weise verstorben...[1],“ traue ich mir zu und erzähle weiter.

 

Die vergangenen Fahrten und Tage haben es zur Regel gemacht, sich meistenteils auf englisch zu unterhalten. So auch heute. Bis hierhin!

Bei diesen bewegenden Informationen wird Trilok emotional und ruft: „Scheise,..., scheise...!“ (mit weichem S).

 

Von hieran unterhalten wir uns auf deutsch weiter, vergessen die beiden Jungs hinter uns komplett und versinken in ein merkwürdig vertrautes Gespräch, in welchem es um Bremen, das KITO, die (damaligen) Betreiber und die Musikkultur und ihre Zukunft im allgemeinen geht.

Wieder, wie bei Palle, stelle ich fest, dass die eigentlichen Schöpfer der Musik, ganz gleich wie alt und wie lange sie im Geschäft sein mögen, unwahrscheinlich weitsichtig und innovativ denken.

Junge Leute müßten ran, die Hörer wollten eh’ immer nur das Alte hören, so Trilok.

 

„Die kennen mich doch. Die können doch auf meine Homepage gehen und gucken, was ich noch mache. Die wollen aber immer nur das alte Zeug aus den 80ern von mir hören“, ist Triloks Antwort auf ein richtungsweisendes Stichwort, was ich aus dem Norden hole und ins Gespräch einbaue: Bugge Wesseltoft & Nils Petter Molvaer.

Er mache in England und Frankreich mit Erfolg viel elektronisches Zeugs wie Bugge und Co und die Leute wollten es dort. 

Nicht so in Deutschland, so Trilok.

Bei diesen Themen nimmt Trilok eine angespannte, nach vorn gebeugte Haltung ein, sitzt im Beifahrersitz wie ein Jäger auf Safari.

Er ist bewegt, empört, mit allen Sinnen dabei; aber seine Äußerungen münden kontrolliert: in der Wahrheit, der musiklandschaftlichen Realität unserer Republik.

 

True Words!

 

Ich erlebe Trilok später auf dem Festivalgelände in Salzau noch einmal so feurig. Er läuft am Mittag seiner Ankunft auf Schloß Salzau durch den Park, wo sich mittlerweile auch die Presse tummelt und ruft quer über den Platz: „Na und wann kommt Ihr zu mir, ein kleines Interview nehmen?!!“

 

Dieser Satz kommt nicht ohne einigen Sarkasmus und richtet sich an die ohnehin affektiert wirkende Pressefrau, die nunmehr seit einer guten halben Stunde an den garnspinnenden Lippen von Roy Haynes hängt, der sich innerlich (und in einigen Momenten auch unverkennbar äußerlich) köstlich über die Frau von der Presse amüsiert.

Einen Tag später erfahre ich von einem Kollegen, der in diesem Moment etwas näher bei der Sache war, dass Mr. Haynes die Pressetante in der Tat voll auflaufen ließ, als sie ihn das bereits zweite Mal kumpelig von der Seite anstieß und wissen wollte, "was denn nun echt mal wirklich das so besondere an diesem Festival sei" und worin es sich von den anderen unterschied?

Haynes soll sowas wie: "Hey ich sagte doch, dass das ein Festival wie jedes andere ohne Besonderheiten ist. Wir alle kommen zusammen, machen ein bischen Kohle und hau’n wieder ab. Wir sind da, weil’s einen Job zu tun gibt", gesagt haben.

Unverwertbare Informationen für die Dame von der Presse. Und sicherlich auch bewußt übertrieben und nicht ganz korrekt von Roy Haynes. Er war einfach nur genervt.

 

Trilok erscheint mir die folgenden Tage dann indessen entspannter, grüßt freundlich in der Gegend rum, macht sein Ding, spielt seine Gigs (einen am Sonntag übrigens zusammen mit Sting, Dominic Miller und den beiden Sidemen, die ich neben Trilok an besagtem Tag fuhr). Ihr lest richtig: Sting. Er war in diesem Festival Secret-Guest.

In einer Mittagspause trommelt Trilok hinten im Park mit einigen Spaniern auf den Plastikgartenmöbeln abgefuckte Rhythmen, daß alles stiert und glotzt, wer denn da so von der Rolle ist.

Für heute hat er seinen Frieden gefunden.

Easy going, Trilok!


[1] Der Name des Betreibers und nähere Inhalte des Gesprächs zwischen Künstler und Autor bleiben aus Gründen der Rücksichtnahme privat und vertraulich.



Trommler greift zur Klampfe

 

Brian Blade ist einer der wenigen Künstler des Festivals in Salzau, den ich nicht gefahren habe und mit welchem ich lediglich sporadisch Kontakt hatte. Dennoch ist mein kurzes Streifen Brians so eindrucksvoll gewesen, dass ich nicht verpassen möchte, hier ein paar Zeilen über ihn zu verlieren.

 

Brian Blade spielte hauptsächlich mit seinem abgecheckten Fellowship-Projekt – der junge Myron Walden, den ich in aller Herrgottsfrüh’ ins Hotel gefahren habe ist eines der Mitglieder. Von ihm erzähle ich später in einer neuen Geschichte mal von.

 

Brian Balde trat zusätzlich in Salzau auch im Duett mit Wolfgang Muthspiel auf. Ein sympathisches Gespann, zumal sich Brians Freude am und beim Spiel von der Bühne bis ins Publikum überträgt. Breites Grinsen, lautes Lachen und Shouten während des Spiels waren nur die augenfälligsten Gesten.

Als Brian zusammen mit Wolfgang (beide mit Gitarre) am Abend einen Standard spielte und beide dabei kindlich amüsiert wirkten, kam ich später am Buffet neben Brian im Essen rumfischend nicht umhin, ihm meine Anerkennung über dieses kleine Gitarrenintermezzo zu signalisieren.

Er reagierte auf meine Äußerung mit vor euphorischer Begeisterung weit aufgerissenen Augen und einer leicht verlegenen Erklärung, von wegen, er spiele ja bekanntlich keine Gitarre und wäre sich nicht sicher gewesen, ob das Gitarrenduett mit Wolfgang richtig beim Publikum angekommen sei. Es sei vielleicht ein bischen zu "unperfekt", zu "improvisiert", kurz zu "unstrukturiert" gewesen.

Die drei Worte benutze er.

Doch genau das machte es im Augenblick der Performance aus: die unbeschwerte Leichtigkeit des Spielens, das kurze Hinschleudern eines Standards mit ehrlicher Hemdsärmeligkeit und Spielfreude. Und der Funke sprang über. Das war dem Publikum anzumerken. Dieses kleine Gitarrenintermezzo erzeugte durch seine Spontanität und Lässigkeit eine wunderbar positive Stimmung.

Diesen Eindruck versuchte ich an Brian weiter zu geben, der wohl verstand, was ich andeuten wollte und bedankte sich für meine Bemerkung.

 

Die Begegnung mit Brian mag stellvertretend für die gesamte JazzBaltica-Atmosphäre sein. Die Künstler tummeln sich in ihrer Nicht-Spiel-Zeit zwischen den Gästen, die Gäste schlendern über das Gelände oder sitzen auf Picknickdecken. Alle fühlen sich pudelwohl und lassen die Seele baumeln.

Es ergeben sich kurze Begegnungen, lose Gespräche und Plaudereien. Gast und Künstler begegnen sich auf einer Ebene, die weder nach Streichelzoo aussehen, noch nach elitärem Kolloquium stinken.

 

Dies machte JazzBaltica damals zu einem als echt und natürlich empfundenen Erlebnis.



Im vierten Teil von "Der Künstler neben mir" erzähle ich Euch von zwei super sympathischen Gesprächspartnern (Johannes Enders, Andi Haberl u.a. bekannt von The Notwist) und einem müden Myron Walden.

 

Nächste Woche unterbreche ich kurz mit einer Frühlingsplaylist und ein paar Worten dazu.

 

Bis dahin bleibt gut im Fahrwasser, wenn es wieder heißt:

 

"Immer wieder Sonntags..."

 

Euer Kai


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