Der Künstler neben mir - Teil 5


Photo: K. Teusner
Photo: K. Teusner

Mit Hank Jones bei Deichmann

 

Samstag mittag in der Kieler Innenstadt. Allerlei Menschen, jeden Alters, Familien, Väter, Mütter und ihre Kinder genießen einen warmen, sonnigen Julinachmittag in trauter Wochenendatmosphäre. Ein bischen hier geguckt, ein bischen da gekauft.

 

Und mitten drin eine lebende Jazzlegende aus Amerika in feinkariertem Jackett, von einem jeden ebenso gebilligt und beachtet wie jeder andere auch an diesem Samstag nachmittag.

Keinen Deut mehr, keinen Deut weniger.

 

Doch fangen wir von vorne an.

 

Als ich einige Tage zuvor mit meinem Fahrerkollegen, am Flughafen Hank Jones, Joe Lovano und George Mraz abhole, teilt mir Mr. Jones mit, dass er sich liebend gerne hier in der Festivalzeit noch einen weiteren kleinen Handrollkoffer kaufen möchte. Sein jetziger sei zu klein und überhaupt..., er bräuchte einen neuen.

Ich verspreche ihm, mich darum zu kümmern und frage im Dispobüro immer wieder nach, wie’s mit dem Anliegen des Künstlers denn aussieht. Anfangs habe ich den Eindruck, dass sie den ausdrücklichen Wunsch nicht sonderlich ernst nehmen, muss ich doch etliche Male nachfragen und sie erinnern. Aber letztlich dann ist ein Wagen vakant und mir wird die Ehre zuteil, Mr. Hank Jones zum Einkaufen zu begleiten!

 

Am Hotel wartet Hank in der Lobby, reicht mir, wie am Flughafen zuvor auch, zuvorkommend und freundlich seine schlanke Hand zum Gruß.

 

„Hello, how are you? Thanks a lot for coming. I really appreciate that.“

 

Letzteres sagte mir Hank einen Tag zuvor auch am Telephon, als ich ihn im Hotel anrufe, um ihm wenigstens erstmal mit meinem Anruf zu signalisieren, dass sein Wunsch nicht vergessen ist.

Nun gut, Tür auf, Hank rein, Tür zu und los in die City. Auf dem obersten Parkdeck von einer bekannten Kaufhauskette geht’s - die tolle Aussicht in der Aufregung ignorierend - in den Fahrstuhl direkt in die Kofferabteilung.

„Gott sei dank ein sofortiger Volltreffer“, denke ich.

Ich will den betagten Herren nicht hin und her scheuchen und um Himmels Willen alles richtig machen. Nur Hank ist sehr entspannt, sagt, er müsse gegen vier wieder zurück sein.

Gegen vier! HA!!!

Ich habe kaum eine Stunde, weil die nächste Aufgabe schon wieder wartet und jetzt ist es 13:00 Uhr.

Schade eigentlich!

 

Mit ziemlicher Zielstrebigkeit ist ein Koffer nach kurzer Beratung ausgewählt und weiter geht’s in die Abteilung für Pflegeprodukte.

 

„I need something to keep my hair down. Something strong. Hairspray maybe.“

 

Hier rufe ich eine Dame vom Haus zu Hilfe. Ergebnis sind vier verschiedene von Hank ausgewählte Haarstylingprodukte: zwei Sprays, ein Gel und ein Wax.

Meine Erfahrungen mit Pomade weiß er zwar sehr zu schätzen, is’ aber leider keine zu bekommen.

 

An der Kasse wird mit Plastik bezahlt. Die Kassiererin und Hank sind für diesen kurzen Augenblick ein ungleiches und doch wunderbares Paar. Eine Kielerin, die Frau von nebenan eben, an der Kasse im Kaufhaus mit Mr. Hank Jones, dem Bruder der großen Elvin und Thad, und er selber auch eine Größe des Jazz. Und beide geben sich so natürlich.

Gewiss wohl auch deshalb, weil sie den alten Herren nicht einsortieren kann, schlicht nicht weiß, wer er ist. So sind beide wie sie sind: unverstellt und freundlich. 

 

„So, Mr. Jons“, wobei das Jones typisch deutsch rüberkommt, „jetzt kriege ich hier noch eine Unterschrift von Ihnen.“ Ein paar freundliche Gesten und Blicke und wir können gehen. Hank steckt mir etwas Papier zu, das ich sofort als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel identifiziere. Dollars.

Ich lehne höflich und etwas verlegen ab und er steckt es mir in meine linke Hosentasche. Wie mein Großvater es immer machte. Das sage ich ihm auch so und er lacht und antwortet: „But I’m not your grandpa“ und er lacht wieder.

 

Wir machen kehrt und Hank bleibt nachdenklich stehen, so wie zuvor als wir im Begriff waren mit dem Koffer zur Kasse zu gehen und uns davor noch durch das Deo- und Haarsprayding arbeiteten.

 

„Well, if there’s some time left, i’d love to buy some rubbershoes for showering.“

 

Da mir ein erneuter Spaziergang nach dem SuchenSuchen&Finden-Prinzip zu riskant  erscheint und die Zeit drängt, entschließe ich mich, die Kassiererin nochmals aufzusuchen. Sie empfiehlt das räumlich gesonderte Sporthaus des Kaufhauses und deutet aus dem Hause über die Straße.

Dort kommen wir nie an. Ein bekannter Schuhdiscounter kreuzt nämlich unseren Weg.

Also mit Hank Jones, dem betagten, schwarzen und adrett gekleideten Mann, rein in den Discounter, in eine plärrende, schwitzende Einkaufsmeute und..., ach überhaupt, da war ein Gewusel.

Aber Hank, lose suchend, bleibt unberührt von all dem vor seiner Wahl stehen: einem Warenkorb von Latschen für ... Damen. Ich weise ihn höflich darauf hin, wir lachen und gehen weiter.

Das Ende der Suche bereiten uns die berühmten, blauen ... richtig: Adiletten.

Ich erzähle kurz, wie beliebt die hier in Deutschland seien und wir packen sie zusammen.

Vorher fallen Hank noch einige Schuhkartons entgegen und er sagt belustig: „Oh, now we have to buy them all.“

An der Kasse eine Riesenschlange und die Befürchtung, dass die hier nix American Express, geschweige denn Dollars nehmen werden. Die Vermutung bewahrheitet sich und ich zahle aus der Portokasse des Büros.

Hank will erst nicht annehmen, ist dann aber erleichtert, als ich ihn davon überzeuge, daß ich mir das Geld vom Büro gegenzeichnen lasse.

 

Die ganze Zeit unseres Einkaufsbummels verband Hank in unserem Wortwechsel irgendwelche Standarttitel des Jazz, zitierte sie und fragte ab und zu, ob ich einen kenne. Kannte ich ihn nicht, summte er mir die Melodie vor. Eine war das Thema eines Standards, in welchem es um Kohle ging. Da standen wir zwei vor der Kassiererin beim Schuhdiscounter, der eine summend, der andere verzaubert lauschend.

 

Heaven!

 

Auf der Rückfahrt plaudern wir weiter über Musik.  Ich erzähle ihm von meiner Lieblingsnummer in der Interpretation von Miles Davis.

 

Ich bin bis dato noch keinem so entspannten, entgegenkommenden und unverstellten prominenten Menschen so hautnah begegnet und erfreue mich bis heute an dieser Leichtigkeit mit welcher dieser immerhin gut 80jährige Mann über alles sprach und jede Situation scheinbar mühelos so nahm, wie sie ist. Hank legte eine Arglosigkeit und Freundlichkeit an den Tag, die entwaffnend waren.

Zudem ist er ein waschechter Gentleman, ein Herr der alten Schule.

 

Zwei Tage später spielt Hank in der kleinen Scheune des Festivals ein Solopianoprogramm, in welchem unter anderem ´Round about Midnight Platz findet. Mein Favorit!

 

„The next number is very famous ... written by Thelonious Monk and i play it for a friend.“

 

Danke Hank! Das war sehr rührend da in der Scheune.

Mir bleibt ein Stück Papier mit einem Gruß von Hank Jones an mich. Noch heute liegt es zwischen meinen Noten im Regal. Und natürlich die Erinnerung. Schön, dass es sie gibt.

 

Im Folgenden ein paar Videolinks für Euch!


Video mit einem Interview ab Minute 14.

Der bekannte Radio- und TVmoderator Alan Bangs führt das Interview

und Hank Jones erfreut sich bester Laune.


Ich hätte diese Woche auch gut was über unsere desolate Proberaumsituation in meinem Blog schreiben können, übe mich aber lieber in Ablenkung und Zerstreuung über schöne Erinnerungen.

 

Wer zusätzlich Bock auf Lesefutter hat, folgt unten stehendem Link und bis dahin sage ich wieder...

 

...danke für's Lesen und bleibt gut im Takt bis es nächste Woche wieder heißt:

 

"Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung!"

 

Euer Kai


Zeitungsartikel zur Proberaumsituation in Oldenburg. Hintergrund: ab August stehen wir mit Sack und Pack auf der Straße.

 

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