Hörspielmusik


Photo: K. Teusner
Photo: K. Teusner

"Das Bergmonster" oder "Das leere Grab im Moor"... kommt Euch das bekannt vor?

Kindheitserinnerungen? Na, tut sich da nicht was bei Euch?

 

Na logo, zwei Titel, zwei Hörspielreihen. Einmal die heute immer noch beliebten "Die ???" und dann die Jugendbande "TKKG". Eigentlich zwei ganz unterschiedliche Geschichten und Plots. Eigentlich zwei ganz unterschiedliche Hörerlager: die einen die abenteuerlustigen Kosmopoliten und dann das spießig-konservative "Hau drauf"-Element.

 

Ich bekennte: bei mir waren es neben ALF in späteren Tagen "Die fünf Freunde" und - ja, ich gebe es zu - die CDU-Fraktion der Hörspiellandschaft. Ich habe "TKKG" immer den "???" vorgezogen. Warum kann ich Euch nicht sagen. Vielleicht weil es geographisch nah dran war oder ich Gaby toll fand? Vielleicht aber auch, weil ich es als Kind faszinierend fand, dass Tarzan Konflikte am Ende immer allein und mit Kloppe gelöst hat. Ob das richtig ist? Ja mensch, das fragt mich doch heute nicht. Aus heutiger Sicht ist diese Hörspielreihe nicht nur wegen der körperlichen Konfliktlösung ein Dorn im Auge eines jeden Pädagogen. Auch die dargestellten Geschlechterrollen stehen aus heutiger Sicht ganz mies da.

Wie war das noch in einer Folge? Gaby wollte nachts mit auf Tour und Tarzan so: "Nee, das ist nix für Mädchen!"

Der würde sich heute 'ne Klatsche abholen mit solchen Sprüchen bei den Damen von heute. Die Zeiten haben sich geändert.

 

Was zeitlos geblieben ist, ist die Hörspielmusik. Und darum soll's hier heute gehen.

Hörspielübergreifend eingesetzt kommt sie zum Beispiel sowohl bei TKKG als auch den ??? vor. Und bei noch manch weiteren Hörspielen. Die instrumentalen musikalischen Einspieler zwischen einzelnen Handlungssträngen haben sich eingebrannt auf meiner musikalischen Festplatte. Da kann ich auch nix mehr löschen oder formatieren. Sie ist da. Und hat geprägt. Bis heute.

 

Dank Carsten Bohn und seinen Kollegen. Der hat mit einigen weiteren Musikern unter dem Pseudonym Bert Brac eine Vielzahl verschiedener Instrumentaltitel für Europa eingespielt. Dass diese so legendär und erfolgreich über so viele Jahre vom Hörspiellabel zum Einsatz kamen, hatte wohl keiner richtig überblickt. Ein jahrelanger Rechtsstreit über die musikalischen Nutzungsrechte und am Ende auch einer angemessenen Gewinnbeteiligung Bohns am Erfolg der Hörspielreihen Europas (heute vertreten durch Sony BMG) waren die leider logische Konsequenz. 

Als Person auf der Gegenseite der leidigen Streiterei wird Heikedine Körting genannt, die sich in Interviews zur Sache streckenweise recht eindeutig und despektierlich in ihrer Wortwahl zum Fall "Carsten Bohn" geäußert hat.

Zum rechtlichen Streit und der Fehde zwischen den Personen Bohn und Körting gibt es im Netz einiges an Material, weswegen ich hier darauf verzichte, weiter auf diesen unschönen Teil der Geschichte einzugehen.

 

Wichtig zu wissen:

Die alte Originalmusik ist in den Neuauflagen der Hörspiele durch vollkommen neue Musik ersetzt worden. Dies betrifft alte wie neue Folgen von beispielsweise den ??? und TKKG.

Hier geht's heute ausschließlich um die alten Originaltitel. :)

 

Anbei sei zum Thema noch ein Link zu einem Podcast genannt. Ab ca. Minute 30 geht's unter anderem um diesen Streit: Podcastlink. Ab Minute 40 


Ein aufschlussreiches Interview mit Einspielern eines Liveauftritts der Studioband.

Ab etwa Minute 9 kommt Carsten Bohn auf die Schwierigkeiten bei der Neuinterpretation der eigenen, alten Aufnahmen zu sprechen.


Viel schöner ist die Betrachtung der Wirkung der Hörspielmusik Carsten Bohns. Die instrumentalen Jazzrock- und Fusiontitel haben abgesehen von den einzelnen Titelmusiken der unzähligen Hörspielreihen ein Gefühl bei mir gebranded. Die Musik hat nicht nur Soundtrackcharakter oder führt programmatisch durch einzelne Spielszenen der Hörspiele. Immerhin das ist bereits ein Verdienst.

Nee, da ist noch mehr. Zumindest bei mir. Wenn diese Musik läuft - meinetwegen auch abgekoppelt von den Hörspielen -, dann werden Erinnerungen wach. Kindheitserinnerungen. Die stundenlangen Hörsitzungen vor'm Kassettenspieler im Kinderzimmer oder lange Autofahrten in den Urlaub mit dem versonnenen Blick aus dem Fenster, den Kopfhörern auf den Ohren und dabei die Musik von den "???", "Fünf Freunden" oder "TKKG".

 

Ich erinnere mich, dass ich als Kind schon (damals spielte ich bis auf Luftgitarre noch kein weiteres Instrument) eine Idee von dieser Musik hatte. Sie gefiel mir. Die Atmosphäre, die vor allem von Synth und Moog erzeugt wurde. Und dann der treibende Jazzgrockgroove von Bohns Schlagzeugspiel. Damals hatte ich noch keinen blassen Schimmer von Musikstilen.

Das hatte was, bereicherte die manchmal beliebigen und belanglosen Sprechpassagen bei "TKKG" und übte einen hypnotischen Sog auf mich aus.

Es kam vor, dass ich zurückspulte, um "Watchout on Purpose" noch und noch zu hören. Drums und Percusssion trieben die Sologitarre..., da ist soviel los in der Musik.

 

Mit "Soundtrack" verbinde ich bis heute eine ganz bestimmte Szene eines "TKKG" Hörspiels. Sie begann, nachdem der Sprecher eine Szene beendete und Klößchen auf dem Rad irgendwo hin war. Zeit zum Überlegen, Nachdenken, wie es wohl weitergeht.

 

"Die Arnoldskinder reissen aus, Pt.1" ist durch sein leichtfüssiges, gepfiffenes Thema die sonnige, unbeschwerte Seite der Kindheit schlechthin. Verortung: Kalifornien, Rocky Beach. Positiver geht's nicht!

 

"Perry Rhodan" haben wir mit dem Antonov Kombinat interpretiert. Eine tolle Covernummer. Das Thema hat Alex mit dem Tenor gespielt.

 

"Nice Day, Pt.1" ist für mich nach wie vor Sonne, Strand, Urlaub, Meer, planschen im Wasser.

 

"Hotrod Standby" haben wir ebenfalls mit einer anderen Band gecovert. Das Unisonothema von Bass und Piano kickt und die vorgezogenen Wechselnoten schaffen einen coolen Groove. Wow, was liebe ich diese Nummer! Sie wird zum Beispiel bei "TKKG, das Paket mit dem Totenkopf" eingesetzt, als Tarzan die Bösewichte bei einem Gespräch in der Disko belauscht.

 

"Lone at last" ist ein smoother Tune zum Wegträumen und auch hier hängen Erinnerungen dran. Nachts zum Einschlafen noch eben schnell ein Hörspiel und dann diese Musik dazu.

 

Ok, ok, und bevor ich jetzt alle Stücke durchbespreche lass' ich's und hänge einfach 'nen Link eines bekannten Streaminganbieters an. Zum selber Hören, Wiederentdecken, Erinnern und vielleicht sogar zum Schwelgen in einem in Vergessenheit geratenen Gefühl.

 

Carsten Bohn's Musik

 

Nee, komm, einen muss ich noch. Der Player wechselt beim Schreiben gerade auf "The lonely Monk". Beat und Synththema setzen eine kleine Explosion der Erinnerungen frei. Mach mir die Nummer beim Einkaufen im Supermarkt laut an und ich packe alles ein. 

 

Ist ein bischen wie die Frage nach Henne und Ei: Ist es die Musik, die den Szenen im Hörspiel etwas Tragendes, Charakteristisches und Verbindendes verleiht oder sind es die Geschichten der Hörspielproduktionen, die die Erinnerung so fest im Gedächtnis verankert haben?

Wohl beides. Beides funktioniert besonders gut zusammen. Ein Hörspiel ohne Musik oder Jingles? Undenkbar und langweilig. Die Musik schafft Gedankenpausen, gibt Raum für die Phantasie und Zerstreut zugleich. Sicher gibt's da noch mehr Aspekte. Nur das fällt mir hier gerade spontan beim Tippen ein.

 

Dass die Musik Bohn's auch ohne Hörspieleinbettung funktioniert hat er mehrmals Live mit seiner Band bewiesen. Auch wenn es "nur" Instrumentalmusik ist, hat sie was Fesselndes. Immerhin stehen da nicht nur zwei, drei Musiker auf der Bühne. Da ist musikalisch und spielerisch einiges los. 

 

Wenn ich die einzelnen Titel heute durchhöre, verbinde ich neben persönlichen Erinnerungen aus meiner Kindheit tatsächlich konkrete Protagonisten und Szenen der Hörspiele. Sie hatten gerade in einer Szene ihren Auftritt und dann folgt ein Musikeinspieler. Wenn ich heute "European Influenca" höre, erinnere ich die Befragung eines Mitschülers durch Tarzan (TKKG, Folge 6, Angst in der 9a).

 

Wer stöbern möchte, kann auch mal hier klicken: Hörspiel-Request.


Irgendwann vor vielen Jahren - ich weiß nicht mehr, ob es aus familiären oder beruflichen Gründen war - hielt ich mich einige Tage in Hamburg auf. An einem Nachmittag nahm ich mir Zeit und verabredete mich mit Carsten Bohn. Ich hatte ihn im Internet ausfindig gemacht und mich telephonisch angemeldet. Er hatte seine Firma (Label und Studio) damals in der Bogenstrasse.

Carsten nahm sich ein paar Minuten Zeit, wir unterhielten uns über seine Musik und die Zeit um die Produktion der Hörspielmusiken. Ich erklärte ihm auch, welche Bedeutung seine Musik für meine Kindheit hat. Er freute sich darüber, wenngleich dies kein monetärer Trost über die empfundenen Tantiemenverluste war.

Die signierte CD "Brand New Oldies Vol.1", auf denen er die alte Hörspielmusik mit seiner Band nochmal neu eingespielt hat, steht heute noch immer in meinem Plattenregal bei Richard Bona, Beady Belle und LTJ Bukem.

 

Ich freue mich heute darüber, dass es damals geklappt hat mit diesem kurzen Treffen. So wirkt die Zeit um die Kinderhörspiele und deren Erinnerungen abgerundet und vollständig für mich.


Viel Spaß beim Hörspiel hören, neu entdecken und schwelgen in Erinnerungen!

 

Bis dahin bleibt gerade, bis es wieder heißt:

"Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung".

 

Euer Kai


Kommentar schreiben

Kommentare: 0