Jazz Baltica - Teil 7


Im Stau mit Tomasz Stanko

 

Meine letzte Fahrt mache ich am Monatag Morgen mit Tomasz Stanko und seinen Mannen. Zu viert plus Doublebaß sitzen wir im Van auf dem Weg vom Steigenberger/Kiel nach Hamburg-Fuhlsbüddl. Es ist wie gesagt Montag und ich habe Sorge wegen des Verkehrs. In Ordnung, es ist noch früh, aber die letzten Tage haben uns Fahrern Besseres gelehrt. Bloß nicht am letzten Tag noch Streß und Ärger mit verpaßten Flügen und so’n Scheiß! 

Der Morgen und die Fahrt verlaufen für mich doch ruhig, für die Jungs im Van auf polnisch. Ich verstehe nichts und bin auch ganz zufrieden mit diesem Zustand. Das Zuhause ruft und ich freue mich auf einen ausgedehnten Aufenthalt im Bett und ein bißchen so was in Richtung Ruhe.

Hin und wieder wechseln wir ein paar Worte in gebrochenem Englisch, dann ist aber wieder Sendepause für mich. Die beiden Kollegen von Tomasz sind jung. Vielleicht so um die Mitte/Ende zwanzig mit Schietegal-Friese und Normalo-Klamotten.

 

Ich bemerke, dass Tomasz immer wieder nach der Strecke, dem Weg und der Dauer fragt. Er ist besorgt, wir könnten es nicht schaffen. Aber bislang – wir sind längst auf der Autobahn Richtung HH – läuft alles glatt und ich bin zuversichtlich. Das beruhigt ihn sichtlich. Bei meinen mild-besänftigenden Antworten auf die Frage nach Wegstrecke und Dauer lehnt er sich wieder zurück und streift sich mehrmals langsam über die Handoberflächen, so als wolle er etwas wegwischen von ihnen. Eine Geste, die ich wohl kenne, mir aber in diesem Zusammenhang neu ist. 

 

Doch dann kommt das Befürchtete: Stop and Go und dann Stillstand.

 

„Fuck!“, entwischt es Tomasz und die Stirn seines kleines, runden Kopfes legt sich in Falten. Sorgenvolle und ärgerliche Blicke treten durch seine runde Brille in meine Augen. Doch ich kann nichts dafür und schalte von mir ablenkend schnell das Radio ein und höre ... nichts. Also nichts Nennenswertes, denke ich. Aber wir stehen, fahren dann wieder ein paar Meter und stehen und so fort. Tomasz ist sichtlich angespannt und fragt nach der verbleibenden Kilometerzahl. Ich antworte und frage ihn im Gegenzug nach ihrer Abflugzeit. Uns bleiben gute 1,5 Std. bis zum Abflug und so riesig und undurchdringlich ist der Flughafen von Hamburg nun auch wieder nicht. Ich bin weiterhin zuversichtlich, nur Tomasz besorgt.

Dann jedoch lichtet sich der Stau und alles entspannt sich. Wir plaudern nun regelrecht ein bischen; auf Tomasz Motivation hin. Es geht um das Verkehrauskommen und die heutige Ursache, er fragt nach der Beschaffenheit der deutschen Autobahnen und ihrer Staus.

Und Tomasz reibt sich wieder die Hände. Vielleicht hat er im Geiste telepathisch ein Abkommen mit dem Verkehrspetrus abgeschlossen?

 

Dann kurz vor der Ausfahrt zum Flughafen stehen wir erneut. Das gleiche von vorn. Sorgenvolle Blicke, Faltenstirn, Fragen und diesmal dazu Vorschläge zum Ausweichen. Da ich mich aber an die Abfahrt erinnere und weiß, sie ist nah, lege ich’s drauf an: „No Problem. We’ll take it. There’s enough time left for us.“

 

Zum Glück behalte ich recht und wir können dem Stop and Go durch die ersehnte, reguläre Ausfahrt entkommen.

Am Flughafen auf dem V.I.P-Parkplatz angekommen löst sich dann endgültig alle Spannung von Tomasz.

 

„Oh, the V.I.P- Parking. For us? Nice, nice!“ (Mit polnischem Akzent.)

 

Wir laden gemeinsam alles aus und ich spüre irgendwie, daß es ganz schön wäre, die drei noch eben bis in die Halle zum Abfertigungstresen zu begleiten. Ein bißchen klein und verloren wirken wir im beinahe gähnend leeren Departureteil des Hamburger Flughafens. Montag früh eben.

Drei glückliche Hände strecken sich mir entgegen, ich wünsche eine gute Reise und tschüß!

 

Und es ist noch soooo viel Zeit... :)



 Der rote Hut des Jim Hall

 

Junges Gemüse im Jazz – ohne dabei abschätzig wirken zu wollen – ist die eine interessante Sache; toll, um zu sehen, was sich Neues tut. Alte Hasen jedoch, die seit vielen Jahrzehnten den Jazz beseelen, ihn mit stoischer Eigenart prägen und begleiten ist eine ganz eigene Sache. Als eines Morgens ein kleiner, alter Mann in kurzen Joggingpants an mir vorüberzieht, denke ich: da hat sich aber wohl ein sportlicher Rentner hierher verlaufen. Ob er sein kleines holsteinisches Dorfhäuslein wohl wieder findet oder Muddi eine Suchfahndung rausgeben muß?

Muddi, besser seine Frau, war in der Tat stets neben ihm während der Tage in Salzau. Auch das morgendliche Joggen sollten wir alle ritenhaft weiter beobachten können. Nur war dieser kleine, alte Mann mit der runden Brille und dem für alternde Herren eigentümlichen milden, leicht verschmitzen Lächeln nicht der verloren gegangene Jogger aus dem Nachbardorf, sondern niemand geringerer als Mr. Jim Hall, der sich schlicht fit hielt mit seiner kurzen, unmodischen Jogginghose über den flinken Beinen.

 

Eine Weile später steht er vor mir. Ich warte am Hotel vor unserem Wagen auf ihn, seine Frau und einen Reporter, den ich ebenfalls mit nach Hamburg zum Flughafen nehmen soll. Der Gitarrenvirtuose trägt heute keine Joggingpants, dafür aber einen knallroten Filzhut von Kangol, der mich unweigerlich an Jack Lemon aus dem „Verrückten Paar“ erinnert. Ich muß schmunzeln, wechsle jedoch just in dem Moment die Stimmung, als sich der rotbehutete Mann bescheiden vorstellt: „Hello, I’m Jim Hall.“

 

Die schier bescheidene Art wie er sich vorstellt entwaffnet mich so sehr, dass ich nur mit vielsagendem Lächeln entgegnen kann: „Uhhh, of course i know who U are, Mr. Hall!“

 

„Oh, you know it.... Fine, good. Well, would you be so kind to drive not so fast. I don’t like fast driving.“

 

Natürlich entspreche ich diesem Wunsch, wir fahren los und der alte Mann entpuppt sich während der Fahrt als genau der verschmitzte Herr, für den ich ihn gehalten habe. Ungefähr auf der Hälfte der Autobahnstrecke lehnt sich Herr Hall von der hinteren Reihe zwischen mich und den Beifahrer – dem Reporter – nach vorn und sagt lobend mit einem bedeutsamen, beinahe schon gandalfschen Nicken: „Good driving so far.“



Sieben Episode zu meinen Eindrücken zum JazzBaltica von 2005.

Das War's!

In der Reihe "Begegnungen - Geschichten, die das Leben schreibt" wird es nach und nach weitere musikalisch-biographische Erinnerungen geben.

Danke bis hierhin! 

Nächste Woche gibt es noch ein paar lose Erinnerungen aus den frühen Tagen meiner musikalischen Gehversuche in meiner Heimat und dann geht's in die Sommerpause!

 

Euer Kai


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