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„Miles Davis – Sound seines Lebens“ – Stefan Hentz


 

„Miles Davis – Sound seines Lebens“ – Stefan Hentz

 

Heute mal ein Buch in meinem Blog. Ein Musikalisches.

Es geht um Miles Davis; wieder mal. Für mich ist er immer wieder und immer noch ein Musiker, dessen Werdegang und vor allem die musikalischen Werke nach wie vor begeistern. 

 

In Musik gibt es immer viel zu entdecken, zu erträumen und zu erreisen. Bei Davis‘ Musik ist es eine Reise durch Dekaden, Innovationen, Technologien, Politik, Geschichte und Gesellschaft.

Im Jazz hat Davis wie nur wenige weitere Musiker die Musik des Jazz maßgeblich begleitet, weiterentwickelt, ist zu neuen musikalischen, kompositorischen, technologischen, stilistischen und musiktheoretischen Ufern aufgebrochen und hat diese vor allem auch besiedelt und nicht bloß mal den Fuß drauf gesetzt.

Bebop, Cool Jazz, Hardbop, die modale Phase, das neue Quintett mit zarten Ansätzen elektrischer Instrumente, dann der Fusion und Jazzrock, bis hin zum Liebäugeln mit HipHop, Pop und nahezu vollelektrischen Produktionen in den späten 80ern, frühen 90ern.

 

Miles Davis war Stilwanderer und -entwickler!

 

Der Kulturjournalist Stefan Hentz hat mit seinem jüngst erschienen Buch „Miles Davis - Sound seines Lebens“ (Reclam, 2026) eine Zusammenstellung des Lebens und der musikalischen Schaffensphasen des Musikers geschrieben, von der ich anfangs skeptisch dachte: „Na ja, Miles Davis eben… zu dem ist doch eigentlich alles gesagt und geschrieben. Was soll es da noch Neues geben?!“

 

„Neues“, das ist genau das kritische Ding an meiner Aussage. Muss es immer etwas Neues zu schreiben und zu mitteilen zu geben, damit eine Publikation gerechtfertigt ist?

„Rechtfertigung“, wieder so ein kritisches Ding. Muss ein Autor sich über seine Publikation rechtfertigen? Soweit kommt’s wohl noch! Mitnichten.

 

Das Buch von Hentz spricht für sich und wer es mit Interesse liest, wird mit den beiden kritischen Begrifflichkeiten keinerlei Probleme in der Auseinandersetzung mit dem Daviskosmos haben. Dieser ist groß, weit, bunt, lebendig, widersprüchlich und hat auch was Verbrennendes sich Verzehrendes.

Darauf geht Hentz in seinem Buch ebenso ein wie natürlich auf die musikalischen Schaffensphasen. Vor allem in der Analyse des Künstlers und Menschen hinter der Musik geht der Autor sachlich und doch einfühlsam und auf eine passende Art emotionalisiert vor.

Ich konnte mich in die Erwähnungen, Erzählungen und Ausführungen, gepaart mit Zitaten von Davis Wegbegleitern gut mitnehmen lassen auf die Reise durch den Daviskosmos. 

Dabei spielt es kaum bis keine Rolle, ab Du den Musiker Davis bereits kennst oder keine Ahnung hast, was da los ist. Interesse am Jazz oder energetischen Musikern solltest Du vielleicht haben. Ok! Ansonsten funktioniert das Buch wirklich für jeden, der etwas Musikinteresse im Jazz aufbringt.

 

Die Reise beginnt in Hentz Buch in einem persönlich gestalteten Kapitel: Hentz schreibt von seinem Konzerterlebnis. Er hat in Hamburg eines der letzten Konzerte von Miles Davis besucht.

Es folgt ein Kapitel, in dem Hentz das Spätwerk und die letzte Schaffensphase skizziert, bevor er dann am Anfang, also in East St. Louis startet. Der Geburts- und Heimatgegend von Miles Davis.

 

Jede Phase des Musikers beschreibt Hentz ausführlich, einfühlsam und nach meinem Kenntnisstand lückenlos. Die Beschreibungen und Ausführungen sind so angelegt, dass keine Frage der Entwicklung, kein Schaffensmoment unbemerkt bleibt. 

Einzig in der Phase um 1957 ist der exakte Wohnort von Davis strittig. Da wirft das Buch in seinen Schilderungen Widersprüche auf. Einmal soll er zu dieser Zeit Frances Taylor in sein Appartement in die 10th Ave eingeladen haben (z.B. S. 278)

Er traf sie im Spätsommer ´57 am Broadway wieder. Es war ihre zweite Begegnung.

Taylor hatte ihm einige Jahre zuvor nen Korb gegeben. Zu der Zeit vielleicht zurecht, da Davis bei der ersten Begegnung um ´54 noch in seiner Suchtphase steckte und sie und ihre Familie vermutlich keinen Bock auf’nen Junkie als Partner und Schwiegersohn in Spe hatten.

Belegt ist jedoch, dass Davis bereits ´55 in der Upper West Side sesshaft geworden ist.

Spätestens in ´57 war Davis wirtschaftlich so saniert, dass die Upper West Side passend für Davis Lebensgestaltung erscheint.

Vielleicht nutzte er das Appartement in der 10th auch als zweites Zuhause? Das bleibt im Buch leider offen.

Da das Buch sonst so lückenlos und schlüssig aufgebaut und geschrieben ist, wirkte dieses Ding dürr zusammengesetzt. Immerhin ist die zweite Begegnung mit Taylor im Jahr 1957 für Davis auch ein Wendepunkt in Sachen Partnerschaft und Familie und er begibt sich Ende des Jahres erneut nach Paris, wo er unter anderem für den französischen Filmemacher Louis Malle den Soundtrack für den Film „Fahrstuhl zum Schafott“ einspielen wird.

Für Personen, die das Leben und Wirken von Davis möglichst vollständig und engmaschig nachvollziehen wollen, sind solche zeitlich widersprüchlichen Unordnungen nicht nur ein Schönheitsfehler. 

 

Ich habe das Buch aus einem bestimmten Interesse bei einem Kapitel mittendrin begonnen, bis zu einem gewissen Punkt gelesen und dann erst von vorn weitergelesen und las es dann vom letzten Drittel zu Ende. Das ging ganz gut. Vielleicht, weil ich bereits ein gewisses Vorwissen mitbringe. Ich behaupte aber auch mal, dass jeder interessierte Leser ebenso barriere- und konfliktfrei mittendrin einsteigen kann bei Hentzes Buch. Das ist ein guter Punkt und macht ein Sachbuch so offener in seiner Lesart, finde ich.

Manchem mag genau das auch helfen: ich steige dort ein, wo ich Bedarf habe, bereits Vorwissen mitbringe und nutze den Verknüpfungspunkt, um in die mir eher unbekannten Phasen des Künstlers einzusteigen. Dieses Prinzip, sich ein Sachbuch zu erschließen, funktioniert bei diesem Buch richtig gut. Zumindest für mich.

 

Stefan Hentz schildert einerseits die Schaffensphasen detailliert und verknüpft Zitate bekannter Wegbegleiter von Davis mit dokumentierten Sachinformationen, so dass ein ziemlich genaues Bild der jeweils beschriebenen Situation und Phase entsteht. Anderseits setzt sich Hentz auch kritisch mit der Person Davis auseinander. Er scheut sich nicht, die Drogenmomente konkret zu benennen und belässt es nicht dabei. Die Phase als „Pimp“, die Gewalt gegenüber z.B. seiner Ehefrau, den Drogen- und Schmerzmittelmissbrauch, die jähzornige Phase ausgelöst durch körperliche Beeinträchtigungen und die Zusammenhänge werden ebenso eindeutig benannt wie auch die Tatsache, dass Autobiographien von Prominenten die Vergangenheit oft gern mal schönreden oder zumindest das eigene Leben so wenden, dass der Protagonist im passenden Licht dasteht. So auch bei Davis.

Troupe wird in Hentzes Buch wohl als wichtiger und bedeutungsvoller Wegbegleiter von Davis benannt, doch die durch Troupes Unterstützung veröffentlichte Autobio von Davis wird von Hentz an einigen Stellen im Buch durchaus kritisch betrachtet. Dadurch schafft Hentz einen Mythos ab. Er entzaubert nicht, sondern puzzelt durch weitere Informationsbausteine ein passenderes Mosaik von Miles Davis zurecht. Umfassender in Sachen Gültigkeit und Wahrheit. 

Das ist ein wichtiger Aspekt in Hentzes Buch und ein echter Pluspunkt für ein Sachbuch.

Hentze schafft durch diese Puzzlearbeit fast so ein bisschen ein Psychogramm des Musikers.

 

Neben Davis finden in den verschiedenen Schaffensphasen immer auch die musikalischen Wegbegleiter Erwähnung. Nicht nur in einem Satz, sondern immer auch in einem Umfang, der in Verbindung mit unserem Protagonisten ein breites Bild vom Milieu und der entsprechenden Musik schafft. Dadurch werden musikalische und menschliche Beziehungen und Zusammenhänge deutlicher und der musikalische Entwicklungsprozess von Davis konkreter.

 

Wahl- und lieblos hingegen erscheint die Anordnung der wenigen Bilder im Buch. Sie passen teilweise so gar nicht zur beschriebenen Schaffensphase und sind mit leidenschaftslosen oder irrwitzigen Bildunterschriften versehen. Darauf haben Autoren manchmal keinen Einfluss. Hier scheint es auch so gewesen zu sein oder Hentz hat sich dabei was gedacht. Das dürfte er mir dann gern mal erklären.

 

Als ich in der Buchhandlung vor der Musikabteilung stehe, habe ich mehrere Bücher zur Wahl. Meine Frau hatte es gut gemeint und mich beschenken wollen. Leider ist es ein Buch geworden, was ich bereits kenne. So darf ich mir jetzt mit ihr im Buchladen ein Neues aussuchen. Ich war kurz davor, die Howard Carpendale Bio auszuwählen. Es stand dort mächtig in großen Stückzahlen im Regal. Brandneu. Ich war übrigens mit einem lieben Freund auf dem Konzert seiner Abschiedstournee. Bremen, ÖVB Arena. Das nur nebenbei… 

Das Miles Davis Buch von Hentz dagegen liegt im Buchladen einsam als einzelnes Buch zwischen Motörhead und REM zur Ansicht. 

Ich freue mich, die richtige Wahl getroffen zu haben und darüber, dass Autoren wie Hentz mit Fachkenntnis und Leidenschaft schreiben und dem Leser damit würdige, gut recherchierte Sachwerke zur Verfügung stellen, die sich nicht nur gut lesen lassen, weil sie toll und unverbaut formuliert angelegt sind, sondern zudem ein umfassendes, kritisches Bild des Protagonisten zeichnen.

 

Wer auf der Suche nach einem fundierten Werk über den Jazzmusiker, Stylewanderer und großen Innovator Miles Davis ist, nicht erst all die Nebenliteratur wälzen möchte, der ist mit dem 345 Seiten starken Buch (ohne Anhang und Lit.-Nachweis gezählt) bestens beraten und versorgt.

Geeignet für interessierte Neulinge wie gleichermaßen gewiefte, belesene Jazzcats.

 

All that Jazz, Dude! ALL THAT jAzz!


Zu guter Letzt habe ich meine persönliche MilesPlaylist mal angehängt.


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